Der Deutsche Bundestag entschied heute bei der Neuregelung der Organspende über die „doppelte Widerspruchslösung im Transplantationsgesetz“ und das Gesetz „zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende“. Der Entscheidung für die erweiterte Zustimmungslösung ging eine lange, intensive und öffentlich geführte Diskussion voraus, bei der in unserer Gesellschaft keine klare Mehrheit bestand. Jedoch einte die Befürworter der jeweiligen Lösungen, die Bereitschaft zur Organspende deutlich zu erhöhen, damit mehr Menschenleben durch Organtransplantation gerettet werden können.
Der umfassende Diskussionsprozess im Vorfeld hat mir gezeigt, dass unsere Gesellschaft in der Lage ist, äußerst differenziert über Probleme unserer Zeit zu sprechen. Das stimmt mich sehr positiv.

Ich persönlich habe dazu zahlreiche Gespräche mit Ärzten, Pflegekräften, Seelsorgern, betroffenen Patienten und deren Angehörigen, aber auch im Freundes- und Kollegenkreis und innerhalb meiner Familie geführt.
Des Weiteren habe ich Anfang Dezember in Untermeitingen eine Podiumsdiskussion mit Prof. Anthuber, Uniklinik Augsburg und Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger initiiert. Das rege Interesse an dieser Veranstaltung hat mir noch einmal gezeigt, wie intensiv dieses Thema viele Menschen bewegt. Die Debatte im Bundestag wird dazu bereits seit eineinhalb Jahren geführt. In den Medien hat das Thema seit Monaten einen hohen Stellenwert.

Eines ist klar: Es gab bei der Entscheidung zwischen der doppelten Widerspruchslösung und der erweiterten Zustimmungslösung kein Richtig oder Falsch. Beide Modelle bürgen Vor- und Nachteile, die sich nicht gegeneinander aufwiegen lassen. Ein Blick in die Statistiken unserer Europäischen Nachbarn zeigt, dass eine Zunahme der Spendenbereitschaft unabhängig von dem jeweiligen Modell eintreten kann. Die Statistiken offenbaren aber noch etwas anderes – und darin sind sich alle Experten einig: Für die Spendenbereitschaft spielt das Vertrauen, insbesondere das Vertrauen in das medizinische System, eine zentrale Rolle. Daneben ist die Anzahl der Spenderorgane, die am Ende Leben retten, vor allem von den Strukturen der Krankenhäuser abhängig. Aktuell kommt es in mehreren tausend Fällen im Jahr zum Beispiel gar nicht zur Diagnose eines Hirntods, der Voraussetzung für eine potenzielle Organspende ist. Mit dem im April 2019 in Kraft getretenen „Gesetz zur Stärkung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende“ wurde einiges auf den Weg gebracht: Es stärkt vor allem die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern. Zudem wird eine Rufbereitschaft zur Unterstützung der Hirntodfeststellung gerade in kleineren Krankenhäusern aufgebaut, die sich aktuell noch in der Umsetzung befindet. Aber es gibt zweifelsohne noch Verbesserungsbedarf.

Die politische Entscheidung über Zustimmungs- oder Widerspruchslösung war damit nur ein Baustein auf dem Weg zu einer verbesserten Transplantationsmedizin.
Die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen ist hingegen die Grundlage für den erhofften Anstieg der Spendenbereitschaft. Ich selbst bin bekennender Organspender. Ich habe diese Entscheidung für mich selbst in Freiwilligkeit im Rahmen unserer offenen Gesellschaft getroffen. Die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen für sich selbst kann und darf Politik nicht übernehmen. Politik darf die Entscheidung auch nicht herbeiführen. Politik muss überzeugen. Die Entscheidungslösung berücksichtigt diesen zentralen Gedanken, setzt auf die Überzeugungskraft unserer Gesellschaft durch Ärzte und Vertrauenspersonen, die durch die erweiterte Zustimmungslösung explizit gestärkt werden. Konkret werden die Hausärztinnen und Hausärzte ihre Patientinnen und Patienten aktiv alle zwei Jahre über die Organ- und Gewebespende beraten und sie zur Eintragung in das zentrale Online-Register ermutigen. Darüber hinaus werden alle Bürger regelmäßig aufgefordert, eine Erklärung zur Organspende abzugeben.
Ich habe nach langer und schwieriger Überlegung meine Stimme für die erweiterte Zustimmungslösung abgeben.

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