Mein Parteikollege Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat eine gesellschaftliche Debatte zur Organspende angestoßen, die die Bereitschaft zur Organspende steigern soll. Dieses Ziel unterstütze ich ausdrücklich.

Folgende Überlegungen leiten mich: Ich betrachte es als eine medizinische Tragödie, wenn einem todkranken Menschen nicht geholfen wird, weil er kein Spenderorgan bekommen kann. Allerdings stelle ich mich entschieden einer Sichtweise entgegen, die davon ausgeht, dass diese Menschen deswegen leiden, weil für sie kein geeignetes Spenderorgan vorhanden ist. Hinter dieser Argumentation sehe ich eine Kultur, die Leiden als Teil des menschlichen Lebens vorschnell verneint. Menschen sterben, weil sie krank sind, und nicht, weil ihnen andere ein Spenderorgan vorenthalten.

Gleichzeitig gebe ich zu bedenken, dass die Definition des Hirntods als entscheidende Voraussetzung für eine Organentnahme nach wie vor umstritten ist. Von daher kann ich jeden verstehen, der informiert eine Entscheidung gegen die Organentnahme trifft. Wenn wir also heute über die Widerspruchslösung debattieren, werbe ich darum, das Vertrauen der Menschen in die Transplantationsmedizin zu stärken. Dazu gehören beispielsweise deutlich erweiterte Kompetenzen des Transplantationsbeauftragten, das Transplantationsregister mit Onlinezugriff und eine deutlich bessere Ausstattung und vor allem mehr qualifiziertes Personal in den Krankenhäusern, die Organentnahmen vornehmen. Es geht darum, eine vertrauensvolle Regelung zu finden, die viele Menschen zur Organspende motiviert. Eine Widerspruchslösung würde jedoch das Verfügungsrecht des Menschen über seinen Körper so stark einschränken, dass das Vertrauen in die Transplantationsmedizin geschmälert würde.

Deswegen favorisiere ich die „verpflichtende Entscheidungslösung“, wie sie der schleswig-holsteinische Gesundheitsminister Heiner Garg ins Spiel gebracht hat. Dazu gehört für mich, dass deutlich früher und deutlich intensiver als bisher über alle Aspekte einer Organentnahme aufgeklärt wird, idealerweise bereits in der Schule. Dabei sollten unbedingt die Argumente von Pro und Kontra in den Unterricht einfließen. Mit dem Erreichen des 18. Lebensjahrs könnte jeder einen Brief erhalten, der ihn über seine Entscheidungspflicht aufklärt; denn: Jeder sollte sich mindestens einmal im Leben der Thematik stellen, ob er im Todesfall seine Organe spenden will. Allerdings muss diese Entscheidung jederzeit und möglichst ohne großen Aufwand korrigierbar sein. Damit wäre auch die bedenkliche Pflicht der Angehörigen vom Tisch, im Fall der Fälle diese Entscheidung treffen zu müssen.

Wer sich trotz seiner Pflicht zur Entscheidung dieser verweigert, spendet seine Organe nicht. Jede Organspende ist eine besondere Form der Nächstenliebe, die über den Tod hinausweist. Wenn diese durch die Widerspruchslösung zu einer Pflicht würde, wäre es ehrlicher, von einer Organabgabepflicht zu reden, der widersprochen werden kann und muss, um sich ihr zu entziehen. Der Vorsitzende des Ethikrates, Peter Dabrock, hat darauf hingewiesen.

Zusammenfassend stelle ich fest: Eine Entnahme von Organen verletzt in keiner Weise die Würde des Menschen oder stört die Totenruhe. Gleichzeitig gibt es aber auch keine Verpflichtung zur Organspende. Deswegen möchte ich alle Maßnahmen gestärkt wissen, die das Vertrauen in die Transplantationsmedizin fördern. Am Ende muss aber die Möglichkeit bestehen bleiben, diese Frage unbeantwortet zu lassen. Der evangelische Theologe Uwe Heimowski (Politikbeauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz) hat es mir gegenüber so ausgedrückt: „Wir müssen aufpassen, dass die Nächstenliebe nicht zur Pflicht wird.“ Von daher plädiere ich für ein Doppeltes: zum einen vor einer Neuregelung eine ausführliche Debatte zu führen und zum anderen nicht nur die Entscheidungs- oder Widerspruchslösung in die Debatte einzubeziehen, sondern die sogenannte verpflichtende Entscheidung ebenfalls. Letztere favorisiere ich.

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